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22.5.2014 : 18:31 : +0200

"Nur" Perfektion und exzellente Unterhaltung

© Vereinigte Bühnen Wien / Paul Ott

Jetzt stören rund um die Seilergasse in der Wiener Altstadt keine Baumaßnahmen mehr, sondern die Gassen werden alltäglich von den Besuchern des Ronacher Theaters gefüllt.

Alle sind glücklich, alle können glücklich und stolz sein. Denn das Wiener Ronacher ist nach viel zu langwierigen Umbaumaßnahmen endlich wieder eröffnet – und das mit der deutschsprachigen Erstaufführung des Broadway-Musicals 'The Producers', das leider seinen englischen Titel behalten hat.

Endlich war Premiere, am letzten Montag im Juni 2008 – direkt im Schatten der Fußballeuropameisterschaft. Dadurch wurde das Ereignis nicht ganz der Knaller, der es hätte sein können.

Die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) hatten jahrelang die Musicalrechte unter Verschluss gehalten und brachten Mel Brooks Musical-Persiflage dann nicht einmal als eigene Inszenierung heraus. Und das, wo die Vereinigten Bühnen Wien zu Recht bekannt sind für ihre Eigeninszenierungen und speziellen Wiener Fassungen. Bei 'The Producers' verzichteten sie darauf; anders schon vor Jahren die direkten Nachbarn in Budapest und Prag: Im Prager Divadlo Karlin diente 'Producenti' 2003 zur Wiedereröffnung des durch die Moldau-Flut zerstörten Repertoiretheaters. Beide mitteleuropäischen Länder, Ungarn und Tschechien, zeigten eigene Inszenierungen, wobei sie sich an der Originalfassung orientierten und mit Witz den ernsthaften Hintergrund verschärften.

Loblied auf 'Max Bialystock' (Cornelius Obonya),
den erfolglosesten Broadway-Produzenten
den Buchprüfer 'Leo Bloom' (Andreas Bieber) im Hause

Um was es geht

Eigentlich geht es um nichts, vielmehr um weniger als nichts, denn dem Pleite gegangenen, leidenschaftlichen Broadway-Musical-Produzent 'Max Bialystok' steht die Buchprüfung ins Haus – in Person von 'Leo Bloom'. Letzterer ausgerechnet hat auf einmal eine geniale Idee: "Verkaufen sie Anlegern insgesamt wesentlich mehr als 100 Prozent Anteile an einer neuen Show, könnten Sie bei einem Erfolg nicht alle anteilsmäßig auszahlen. Aber bei einem Flopp! Da bekommt niemand seine Einlagen zurück. Und wenn dabei mit kreativer Buchführung gearbeitet wird, fällt für die Pleiteproduzenten noch einiges ab..."

Die Schecks erschwindelt sich Max bei seinen Gespielinnen der älteren Generation, die er respektlos nach deren präferierten Rollenspielen auf seiner Besetzungscouch einteilt in  'Halt-mich-grapsch-mich' und 'Leck-mich-beiß-mich'. Nachdem 'Leo Bloom' sein Buchhalterdasein aufgegeben hat, suchen beide Produzenten gemeinsam nach dem schlechtesten Autor, engagieren den schlechtesten Regisseur und besetzen den schlechtmöglichsten Hauptdarsteller. Was soll da noch schief gehen? Doch das vermeintliche Broadwayrezept funktioniert nicht, denn die trashige Revue wird ein Hit. Alle müssen sich wegen ihrer eingebrachten Leistungen verantworten, auch vor Gericht.

"Ich wär' so gern ein Producer"

Das Ganze ist so vergnüglich gemacht und ein Loblied auf bombastische Broadwayshows mit Kompositionen, die immer wieder die große Musicalrevue ermöglichen. Komponist und Autor Mel Brooks ersann, basierend auf seinem Filmdrehbuch von 1967, ein "oldfashioned" aufgebautes und gemachtes Musical mit Soli, Duetten, Sprechszenen, Untermalungsmusiken und Revuetreppen. Respektlos, provokant und eine Verneigung vor den Musicalfilmen der 1940er Jahre - diese Glorifizierung der alten Zeiten wurde bemerkenswerterweise 2002 ein mit 12 Tonys ausgezeichneter Hit in New York.

In Wien studierte der britische Associate Director Nigel West die von Susan Stroman inszenierte Show zusammen mit Choreografin Leigh Constantine ein. Zwar stand ihm nur ein kleines Ensemble von 22 Darstellern und 7 Ersatzbesetzungen zur Verfügung, aber auf diese talentierte und hoch motivierte Cast, die fast ausschließlich österreichisch oder deutschstämmig ist, konnte aufgebaut werden.

das Ensemble
Partner: Andreas Bieber
und Cornelius Obonya planen

Die beiden Produzenten

Vor allem die beiden vermeintlichen Produzenten Cornelius Obonya und Andreas Bieber glänzen von Beginn an.

Als Schauspieler ist Cornelius Obonya die geniale Besetzung des schmierigen Profiteurs 'Max Bialystock'. Mit Gesten und Geschwindigkeit führt er seine Szenen. Mit seinen Grimassen und Mimik verzaubert er die Zuschauer und ist erstaunlich nah an Rollenurbesetzung Nathan Lane. Er singt, springt, schleimt sich bodenständig wie auch leicht karikierend übertrieben durch den Abend. Einen Höhepunkt bildet dabei sein Lied 'Blutiger Verrat' in der Gefängniszelle.

An seiner Seite hat er den kongenialen Partner Andreas Bieber als sich selbst hassender Buchhalter 'Leo Bloom', der auf der Suche nach seiner Erfüllung ist. Bieber zeigt eine große Bandbreite vom Musicaldarsteller bis zum Komiker. Er schmust liebevoll mit seinem blauen Schnuffeltuch und hält sich mit „Nicht bespringen“ Max meistens vom Leib. Überzeugend setzt er ein Pendant zu seinen anderen Rollen in Wien, wo 1989 bei 'Cats' im damaligen Etablissement Ronacher alles begann.

Bettina Mönch alias 'Ulla'
Roger de Bris -
der "warme" Regisseur
'Franz Liebkinds' andere Leidenschaft

Herrlich überzeichnet

Bettina Mönch erfüllt die Erwartungen an die rollengerecht langbeinige, blondierte 'Ulla' mit viel Leben und Wärme. Hinreißend abwechslungsreich beleuchtet sie die Facetten der tanzenden Sexy-Sekretärin durch Darstellung und farbintensive Kleider.

Herbert Steinböck gibt den vermutlich schlechtesten Musicalautor 'Franz Liebkind' als bayrisch sprechenden, ewig gestrigen Nazi, der kraftvoll und doch leicht seine Rolle mit soviel Ambivalenz auszustatten weiß. Selbst seine Vorbereitung auf den Premierenabend gelingt unterschwellig: "Ich muss nur den Helm wechseln und mir den Bart ankleben." Sein 'Siegfried-Schwur' auf 'Adolf Elisabeth Hitler' bekommt eine gefährliche Klarheit. Herrlich böse die Tauben mit den Hakenkreuzflügelbinden und auch das schlechteste Stück 'Frühling für Hitler – ein schwüler Tag mit Adolf und Eva' pendelt zwischen abgrundtiefer Persiflage und bitterböser Komik.

Zwar spielt Martin Sommerlatte den exaltierten Regisseur, doch in der besuchten Vorstellung erfüllte mit viel Spieltrieb Marc Lamberty die Rolle von 'Roger Elisabeth de Bris'. Mit leicht angegrauten Haaren wirkt er viel zu jung, doch als einspringender Hauptdarsteller kann er die übertriebene Show noch etwas überdrehen und bekommt bei der Aussicht auf einen Tony Award geradezu einen Anfall von Einfällen. An seiner Seite mit herrlich hastigen Füßchen überzeichnet Rob Pelzer als Lebensabschnittsassistent 'Carmen Ghia' sein Spiel. Dazu noch das in vielen Verkleidungen auftretende Ensemble, das die kleine Bühne des Ronachers zu füllen weiß.

On Stage

Zwar ist die Umsetzung des Bühnenbildes von Robin Wagner durch David Peterson auf die Wiener Maße sehr gelungen, doch auch nicht mehr. Viele Show-Vorhänge mit Leuchtreklamen und abwechslungsreiche Dekorationen illustrieren geschickt die Spielorte, die es sehr reichlich gibt. Alles wurde flach gebaut, so dass große Szenen mit viel Bühnentiefe eher selten sind. Außerdem kann durch herein fahrbare Gassen und Soffitten die Spielfläche immer wieder verkleinert werden. Da große Seiten- und Hinterbühnen im Ronacher fehlen und alles passend gemacht werden musste, kann in Max' Büro, das von links und rechts her zusammen gesetzt wird, niemand auf den Balkon gehen, auch wenn Max angeblich durch blind gemachte, verschmierte Fenster Ulla aus dem Auto steigen sieht und sie ihn. Die Stage Door steht so etwas lieblos an der rechten Samtgasse, wirkt nicht integriert und zugehörig. Die roten Soffitten und Gassen bringen neben den großen, schönen Showprospekten viel Glanz auf die Bühne. Das Finale 1 in 'Little Old Lady Land' mit Schaukel und Sprungkissen, in dem man kaum noch Text versteht, steht als sauber aufgebautes Ensembleschlussbild im Rücklicht – mit kleinem Ensemble. Es ist einfach nur schön. Nichts weiter.

Leo und Ulla

Entsprechend der Wiener Fassung sprechen alle in deutscher Sprache und singen von 'Heut´ ist Premier'. Da die beiden Produzenten aber am New Yorker Broadway agieren, sind alle Schilder und Leuchtreklamen korrekt in Englisch und man liest "Opening Night". Zur großen Verwunderung trägt der Show-in-der-Show-Vorhang bei, auf dem groß "Deutschland" zu lesen ist.

Trotz des auf 45 Grad geneigten Spiegels, so dass alle Zuschauer das tanzende Hakenkreuz sehen können, bekommen die "Springtime for Hitler"-Szenen keine Extrabrisanz. Dennoch sind sie an der Geschmacksgrenze und treffen durchaus böse den Zuschauer. Aber warum wurden auf die mit Hakenkreuzen beschmierten Weltkugeln verzichtet? Wäre das in Österreich zu viel gewesen? Oft entsteht kurzweilig der Eindruck, dass man anstatt bösem Humor und politischer Brisanz eher auf exzellente Unterhaltung Wert gelegt hatte.

Das Kostümkonzept von William Ivey Long verfehlte auch in Wien seine Wirkung nicht, beschwören und bebildern die Gewänder doch die sorgenfreie Zeit. Vor allem Ulla in ihren ständig wechselnden, wundervoll farbigen Kleidern zeigt Wert und Wirkung dieser Opulenz. Nicht zu vergessen die unzähligen Perücken für die Showmomente des Ensembles. Was für ein Aufwand!

Übersetzung und kein Verlust

zwei erfolgreiche Produzenten

Caspar Richter hat einmal mehr die musikalische Leitung an den Vereinigten Bühnen Wien. Ihm steht ein durch Bläser dominiertes, dazu noch dünn klingendes, 22köpfiges Orchester mit zwei Keyboards zur Verfügung, das dann in Ullas Solo 'Wenn du´s drauf hast, zeig´ es' noch lauter ist als die vorlaute Sekretärin. Was aber Wert hat, ist das wache Auge des Dirigenten, der äußerst gekonnt das Bühnengeschehen begleitet und das Tempo nicht abreißen lässt.

Die Geschwindigkeit im Ronacher ist wie seine Darsteller großartig. Das garantiert die Dramaturgie durch Michaela Ronzoni, die einmal mehr bewies, dass eine Übersetzung zwangsläufig keinen Verlust bedeutet. Ihr, die für die Vereinigten Bühnen Wien schon 'Romeo & Julia' übersetzte und 'Die Habsburgischen' schrieb, steht für die Liedtexte der Schriftsteller Phillip Bloom zur Seite. Ergänzend wurden vier Lieder vom Pianisten und Musikproduzenten David Bronner übersetzt, der dazu auch die deutsche Fassung des Liedes 'Frühling für Hitler' schuf.

'The Producers' in Wien ist Perfektion und niveauvolle Unterhaltung. Das Musical geht zügig voran, ohne anzuhalten und ohne auf sich oder die Geschehnisse zu reflektieren. Zum Schluss bleibt die Frage: Ist diese auf Perfektion getrimmte und getimte Vorstellung nicht etwas wenig für eine deutschsprachige Erstaufführung der Produzenten?

(Frank Wesner)

 

'Die Produzenten' können Sie noch bis Ende Februar 2009 im Ronacher sehen. Nach einer kurzen Eingewöhnung, starten sie Mai 2009 im Admiralspalast mit ihrer Berliner Deutschlandpremiere der Musical-Persiflage.

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den Vereinigten Bühnen Wien / Fotograf: Oliver Hadji